“Raus aus der Blogosphäre” – Bloggerdinner beim Foodmagazin Effilee in Hamburg
Es ist 9:26 Uhr, als ich zum ersten Mal Hunger verspüre. Ich betrete ein kleines Bistro, irgendwo zwischen Speicherstadt und Zentrum, und verlange ein Fischbrötchen. ”Ali, ein Bismarck, bidde” ruft der Herr hinterm Tresen in die Küche hinein. “Bismarck kommt sofort!” hallt es sogleich heraus. Wenn ich schon einmal in Hamburg bin, möchte ich auch ein wenig nordische Atmosphäre atmen. Warum das Fischbrötchen “Bismarck” heißt, wundere ich mich und überprüfe das gleich einmal mit meinem Telefon. Komische Zeiten sind das, in denen wir unser Telefon befragen, was wir gerade essen. Und während ich aus dem Fenster blicke, dem Nieselregen zusehe und verträumt auf Gurke, Zwiebel und Fisch herumkaue, spuckt mir das Telefon auch schon eine Antwort aus: Eine Bismarck-Fischsemmel, wie wir in Bayern dazu sagen würden, ist ein belegtes Brötchen mit Zwiebel, saurer Gurke und Bismarckhering. Das ist ein Hering, der in saurer Marinade aus Essig, Öl und Zwiebeln eingelegt wurde. Aha! Ich schaue auf den Hering, ich schaue auf die Uhr: es ist Punkt 9:30 Uhr – leider geil.
Zu dieser Stunde bin ich schon seit fünfeinhalb Stunden wach. Das Fischbrötchen ist also, meinem üblichen Tagesrhythmus zufolge, mein Mittagessen. Ich habe den ersten Flug nach Hamburg genommen, um mir noch ein bisschen die Stadt anzusehen bevor es an den Herd geht. Denn: das Foodmagazin Effilee hat mich heute zu seinem Foodbloggerdinner eingeladen. Vier weitere deutsche Foodbloggern und ich sind aufgefordert ein Menü auf die Beine stellen. Die Vorgabe: Jede Bloggerin und jeder Blogger kocht einen Gang des Menüs, passend zu jeweils einem Wein aus dem Elsass.
Bereits im Vorfeld habe ich mir dazu einen Pinot Noir d’Alsace ausgesucht, den ich in einer Sabayon mit Pfirsichen oder Ananas aus dem Ofen kombinieren wollte. Doch letzten Endes entschliesse ich mich für eine wesentlich einfachere Rotweinsoße. Die soll ein saftiges Rinderfilet mit Rosmarinkartoffeln auf dem Ofen veredeln. Ein einfaches Gericht, das durch die feine Soße geadelt wird. Im Hamburger Gasthof Möhrchen treffe ich am Nachmittag auf die anderen Foodblogger: für mich ist es das erste Mal, dass ich außerhalb der Blogosphäre auf gleichgesinnte Blogger treffe. Und das ist überraschend: hinter Rezepten, Kommentaren und Hyperlinks verbergen sich doch echte Menschen mit einer Leidenschaft fürs Kochen, die ihresgleichen sucht.
Mika aus Berlin, zum Beispiel, der das Blog “Taste Berlin” betreibt. Dort berichtet er von seinen ausgiebigen Streifzügen durch Berlins Restaurants, Kneipen und Märkte. Heike postet auf “Heikes Blog” regelmäßig interessante Rezepte und ruft ab und an zu kuriosen Blogevents auf (wie zum Beispiel “Ugly Food“). Sandra ist wohl eine der geschäftigsten Bloggerinnen, die ich kennen gelernt habe. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man ihr Blog “…in Frau Kampis Küche” verfolgt. Da wird gekocht und gekocht und gekocht… Astrid, ebenfalls eine sehr geschäftige Köchin und Bloggerin, hat ihr Blog “Arthurs Tochter Kocht” gerade in Print erweitert. Ihr Buch “Mein B-Logbuch” ist gerade beim Verlag Collection Rolf Heyne erschienen. Fünf Foodblogger aus ganz Deutschland, fünf Rezeptideen für ein tolles Abendessen. Es geht an den Herd!
Effilee-Herausgeber Vijay Sapre lässt es sich zunächst nicht nehmen, selbst mitzukochen: Er macht einen Glasnudelsalat mit Kombu und Jakobsmuschel:
An diesem Abend höre ich zum ersten Mal vom sogenannten Onsen-Ei, das eine Komponente in Heikes Petersilienwurzel-Schaumsuppe mit Onsen-Ei und getrocknetem Schinken ist. Onsen-Eier sind Eier, die rund eine Stunde bei circa 7o°C gegart werden. Der Eidotter gerinnt dabei nur leicht und erhält eine wachsweiche Konsistenz. Der Name rührt von den heißen japanischen Quellen, den Onsen, her, wo diese Eier gegart wurden und werden.
Sandra bringt in ihrem Gericht Ravioli auf Rahmsauerkraut mit gebratener Blutwurst Zutaten zusammen, die zunächst nicht zusammenzugehören scheinen, aber doch fabelhaft harmonieren. Der Clou: Bevor Sandra die Blutwurstscheiben anbrät, bestäubt sie sie mit Mehl, wodurch sie den richtigen Biss bekommen.
Michas Pochierte Roulade von der Bachforelle und Flusskrebsen mit Roter Beete war wohl das kniffligste Rezept, das eine präzise Handarbeit erforderte. Die Forellen wurden filettiert und mit der Pinzette entgrätet. Dann mit der Füllung zu einer Roulade gewickelt, die in einer Folie im Wasserbad gegart wurde.
Mein eigenes Rezept ist bodenständig: Rinderfilet mit Pinot-Noir-Soße. Weil ich noch nie so ein großes Stück Filet in der Hand hatte, halfen mir die Anwesenden beim Filetieren. Das Fleich war zart, saftig und schmackhaft. Ich habe es nur kurz beidseitig angebraten und dann unter Alufolie in der Pfanne ziehen lassen.
Als Nachspeise macht Astrid einen Kougelhopf mit Gewürztraminer-Mango-Eis, die dem ganzen Mahl die Krone aufsetzte und zu einem gebührenden Abschluss brachte.
Zu jedem Gang gab es einen kundigen Kommentar durch die Sommelière Christina Hilker. Ob Crémant, Pinot Gris oder Grand Cru – Christina ordnete die Weine dem Essen zu und erklärte, wie und warum die Speisen mit dem Wein harmonieren. Doch 6 Gänge, 6 Weine und eine äußert arbeitsame Woche liegen hinter mir. Als wir am Abend in St. Pauli noch etwas trinken gehen, fallen mir die Äuglein zu. Ich denke, einen langen Schlaf zu tun und verabschiede mich zeitig. Im Hotel lasse ich mich aufs Bett fallen und schlafe den Schlaf der Gerechten. Das Foodbloggerdinner war eine großartige Gelegenheit, die Menschen hinter den Blogs kennenzulernen. Ich habe in handwerklicher Hinsicht einige Kniffe gelernt und wurde hochgradig motiviert, in Zukunft – wenn es die Zeit denn erlaubt – fleißig weiterzubloggen. Über das Bloggerdinner wird das Foodmagazin “Effilee” in seiner nächsten Ausgabe berichten – ab 4. Mai 2012 an deutschen Kiosken.
Alle Fotos (außer dem ersten) – Andrea Thode


















