“Kannst Du mir dieses Buch besorgen?” fragt mich meine Mutter irgendwann Ende der 1990er Jahre. Es heißt “Il Cucchiaio d’argento” (Der Silberlöffel) und ist zu dieser Zeit noch nicht in deutscher Sprache übersetzt. Und Ende der 1990er Jahre ein fremdsprachiges Buch ausfindig zu machen und zu besorgen, ist, ganz anders als heute, ein richtiger Aufwand. Ich begebe mich auf die Suche nach dem “Silberlöffel” und finde das Buch im Antiquariat einer 250 km entfernt gelegenen Stadt. Die italienische Originalausgabe sendet mir das Antiquariat nach langem Hin und Her zu. Packetsendung, weil das Ding geschätzte 2 kg wiegt. Das Buch ist meiner Mutter so wichtig, weil es in ihrer italienischen Heimat ein echter Klassiker war – und ist – und viele ihrer Freunde daraus kochen. So komme ich in den folgenden Jahren des Öfteren in den Genuss, die ein oder andere Spezerei aus dem “Silberlöffel” zu probieren. So far: Mission accomplished!

1950 veröffentlicht die italienische Design- und Architekturzeitschrift “Domus” das Buch unter dem Titel “Il Cucchiaio d’argento”. Der Name geht auf eine Redensart zurück, die für Überfluss, Reichtum und Glück steht: Wer mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wird (“chi è nato con un cucchiaio d’argento in bocca”), kann mit einem reichen Erbe rechnen. Der Silberlöffel möchte hingegen das kulinarische Erbe weitergeben. Das Buch wird kurz nach Erscheinen zum Klassiker der italienischen Kochkunst. In den über 50 Jahren, in denen das Buch verlegt wird, wird es laufend aktualisiert. Das Ergebnis ist ein Kochbuch mit über 2000 Rezepten aus allen italienischen Regionen und in Italien eine regelrechte kulinarische Bibel.

Man sagt gemeinhin, dass Italiener das Kochen sogar noch vor dem Sprechen erlernen und ihr Können unter den Generationen weiterreichen. Und tatsächlich: Ich besitze das Buch heute selbst – allerdings in der deutschen Fassung, die seit 2006 verlegt wird. Der Silberlöffel meiner Mutter ist ohnehin total zerfleddert. Die Zeit vergeht, Geschmack bleibt. Weil sie bereits etliche Rezepte aus dem Silberlöffel nachgekocht hat, bitte ich meine Mutter, mir mitzuteilen, wie sie das Kochbuch denn findet. “Mamma, was hältst Du vom Silberlöffel?”

Mit einem Wort: Nicht schlecht, Herr Specht! Man mag ein gewisses Unterstatement vernehmen, denn das Buch wurde so oft gebraucht, dass es heute fast auseinanderzufallen scheint. Einige Rezepte funktionieren nicht so, wie sie meine Mutter aus Italien kennt, was aber nicht davon ablenkt, dass im Silberlöffel eine schier unerschöpfliche Auswahl an Rezepten dargestellt ist. Das Buch ist reichhaltig. Echte italienische Gerichte bestehen oft nur aus einer Handvoll simpler Zutaten, was sie für den Einsatz in der Alltagsküche ideal macht. Blättert man das Buch durch, findet sich einiges, was einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Nach einer Einführung (“Essen ist eine ernste Sache”) widmet sich das Buch der Küchensprache sowie Küchengeräten und -ausstattung. Die Rezepte sind in folgende Kategorien unterteilt: Saucen, Marinaden und gewürzte Butter, Antipasti, Hors d’oeuvres und Pizza, Erster Gang, Eier und Frittata, Gemüse, Fisch, Krustentiere und Weichtiere, Fleisch und Innereien, Geflügel, Wild, Käse, Desserts und Backen, Menüs für besondere Anlässe, Menüs von Spitzenköchen. Ein paar Gerichte, die meine Aufmerksamkeit beim ersten Durchblättern auf sich zogen:
- Rote Beete-Béchamel-Auflauf
- Orecchiette mit Cima di rapa
- Soufflé aus grünen Bohnen
- Grüner Nudelteig
- Ravioli mit Spinat-Ricotta-Füllung
- Pasta mit Hummer
- Polenta mit Wurst
- Topinambur mit Sahne
- Moschusoktopus alla napoletana
- Steak alla pizzaiola
- Schnepfen mit Äpfeln
- Löwenzahn mit Parmesan
- Rosenkohl mit Mandeln
- Kaninchen in Rotweinsauce
- Chicoréesalat mit Käse und Walnüssen
- Ricottastrudel
- Cantucci
- Schokoladen-Profiteroles

“Kochen ist eine ernste Sache” lautet der Leitsatz des Buches, der gleich zu Beginn in fetten Lettern steht . Das ist es in der Tat, denn Essen zählt zu den täglichen Tätigkeiten, um die man nicht herumkommt. Wie schön, wenn man dann ein derart praktisches Buch, wie den Silberlöffel, zur Hand hat aus dem man sich unzählige tolle Ideen holen kann, wie man das tägliche Mahl variiert und ganz praktisch umsetzt. Der Gaumen wird es danken!
Der Silberlöffel / Edel Germany / 1464 Seiten / 39,90 Euro